Gedolmetscht wurde vermutlich schon bald nach der Entstehung der Sprache vor etwa 100.000 Jahren. Hinweise auf Dolmetscher sind unter anderem aus dem ägyptischen Alten Reich, später auch aus dem antiken Griechenland und Rom bekannt. Während des Mittelalters tauschten sich Staatsvertreter, Wissenschaftler und Geistliche im Abendland über Boten in Latein aus. Dem folgte das Französische als Diplomatensprache.

Eine berühmte Figur in der Geschichte des Dolmetschens, an der sich immer wieder die Debatte über Rollen und Loyalitätsbeziehungen der Dolmetscher entzündet, ist die Aztekin Marina (La Malinche), die für Hernán Cortés dolmetschte und oft als Verräterin der Ureinwohner dargestellt wird.

In der europäischen Diplomatie gab es über die Jahrhunderte verschiedene Verkehrssprachen, in denen multilaterale Treffen abgehalten wurden. Französisch ist beispielsweise als Sprache der zwischenstaatlichen Beziehungen bis zum Ersten Weltkrieg bekannt. Bilaterale Treffen wurden jedoch auch mit Hilfe von Dolmetschern in den Sprachen der beiden Parteien abgehalten.

Um Dolmetscher für orientalische Sprachen zur Verfügung zu haben, tauschten europäische Regierungen lange Zeit Kinder (sogenannte „Sprachknaben“ oder enfants de langue) mit anderen Höfen aus, die dort aufwuchsen und die jeweilige Landessprache lernten.

Die oben beschriebenen Dolmetscharten entwickelten sich erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts zu ihrer heutigen Form. Das Simultandolmetschen ist die jüngste Dolmetschdisziplin (ausgenommen das Flüsterdolmetschen, das vermutlich schon eher entstand). Simultandolmetscher wurden bei den Nürnberger Prozessen zum ersten Mal in größerem Umfang eingesetzt.

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs ging die Geheim-Diplomatie zurück, die als wesentliche Mitursache für den Krieg angesehen wurde. An die Stelle der zuvor üblichen Verständigung über Botschafter und Gesandte traten Konferenzen der Staats- und Regierungschefs oder der Außenminister. Allmählich gewann Englisch immer mehr an Bedeutung, bis es unaufhaltsam seine heute bekannte Position als Weltsprache Nummer 1 erlangte. Die Regierungsmitglieder beherrschten aber Fremdsprachen meist nur unvollkommen. Um eine einwandfreie Verständigung in den wichtigen Staatsbelangen zu ermöglichen, entstand das Berufsbild des gezielt für diese Aufgaben ausgebildeten Konferenzdolmetschers.

Die Europäische Union


Eine besonders wichtige Rolle spielt die Arbeit der Dolmetscher heute zum Beispiel bei den Institutionen der Europäischen Union. Das Europäische Parlament und der Europäische Gerichtshof verfügen jeweils über einen eigenen Dolmetschdienst, der Dienst der Europäischen Kommission übernimmt die Verdolmetschung in der Kommission, im Ministerrat sowie im Wirtschafts- und Sozialausschuss und dem Ausschuss der Regionen.

Die Dolmetschdienste beschäftigen verbeamtete und festangestellte Dolmetscher und verfügen - im Falle von Parlament und Kommission - über eine gemeinsame Liste von freiberuflich tätigen Dolmetschern, die in Zeiten besonderer Auslastung zusätzlich eingesetzt werden. Um in diese Datenbank aufgenommen zu werden, müssen Bewerber zunächst einen interinstitutionellen Auswahltest absolvieren. Die Auswahl fest anzustellender Dolmetscher erfolgt zentral für alle europäischen Behörden in einem Verfahren (Concours), das vom Europäischen Amt für Personalauswahl veranstaltet wird.